berliner szenen


auf asphalt (taz, 20.6.'17)

Es ist Samstagmittag. High Noon am Leopoldplatz im Wedding, Demo gegen den Aufmarsch der Identitären. Die Schulstraße ist proppenvoll, Festivalstimmung. Niedliche Punks in Schmuddelhosen sind unter den Demonstrierenden. Und viel Schwarz, of course, „Antifascista“-Rufe und „Ehe, Küche, Vaterland – unsere Antwort: Widerstand!“.

Die Sonne knallt auf Asphalt und Hirn. Langsam schieben wir durch den Wedding. Fenster werden geöffnet, ein paar Typen rufen herunter: „Hartz vier! Hartz vier!“ Ich denke, wegen euch sind wir hier, Mann, aber dann sind wir schon vorbei. In einem Imbiss kaufe ich Baklava und Wasser und reihe mich wieder ein.

Die Demo kommt vor der Bernauer zum Stehen, blockiert durch drei Polizeiwannen. Es gibt einen kurzen Tumult, ein paar Adrenalinfans durchbrechen die Absperrung links. Ich denke an eine Büffelherde, an der seitlich Löwen schmausen. Am Ende spielen sie Ton Steine Scherben, und eine Anwohnerin zittert vor Wut, weil ihr Auto durch die Demonstranten blockiert ist. Sie wollten doch zum Geburtstag und waren extra noch bei Lidl!

Ich muss jetzt dringend nach Wilmersdorf, da lese ich in einer Buchhandlung am Rüdesheimer Platz.

Angekommen, erst mal ins öffentliche, hübsch grünspanige Klohäuschen. Drinnen warten blütenweißes Toilettenpapier und eine Klobürste. In der Buchhandlung lauschen mir zwanzig geschrubbte, gekämmte und äußert eloquente Kinder, die meisten kaufen mein Buch. Danach noch auf ein fettes Eis ins Café nebenan. Ich lausche dem Gespräch zweier Damen, die nach teurer Gesichtspflege aussehen.

„Seit acht Uhr morgens hab ich die Maler im Haus!“, sagt die eine.

„Mensch, du bist so eine Macherin!“, sagt die andere.

Ich schlecke mein Eis auf und fahr zurück in den Wedding. Kirsten Reinhardt