berliner szenen


geglitsche und gerutsche (taz, 22.6.'19)

Es ist ja immer wieder interessant, sich über die unausgesprochenen Übereinkünfte des menschlichen Miteinanders Gedanken zu machen. Und am Ende sind wir komischen Menschen doch auch alle gleich, wir wollen Liebe und uns gut fühlen, wollen raus aus der Jämmerlichkeit der eigenen Existenz und was hilft da besser, als eine kleine Entgrenzung.

Neulich, zum Beispiel, im Westgermany am Kottbusser Tor, trafen sich eine große Gruppe jüngerer Männer und eine kleinere Gruppe jüngerer und älterer Frauen in diesem weiß gekacheltem Raum unter Neonröhren.

Beim ersten Ton des Konzerts (ein wunderbar lauter und satter Rülsper ins Mikro) begannen die sich im vorderen Zuschauerbereich Befindenden sogleich, auf- und ab- und gegeneinanderzuspringen und ihre Gliedmaßen wie wild zu schütteln. Die auf diese Weise entstehenden Rinnsale von Schweiß vermischten sich mit den stetigen Rosé-Sekt-Duschen zu einem Geglitsche und Gerutsche – kollektive Extase und Gepoge und das barfüßige Mädchen trug, oh Rücksicht der Subkultur!, keinen Schaden davon.

Eine Geburt! – so dachten mehrere der Anwesenden, wobei nicht gänzlich geklärt wurde, ob die Geburtsmetapher auf das eigene Erleben der Entgrenzung bei Selbiger oder die kollektive Glitschigkeit des Gesamtvorgangs à la „Wir werden gerade allesamt geboren aus Schweiß und Rosé-Sekt und Rülpsern und Punk“ anzuwenden sei.

Ähnlich war es dann anderntags beim Yoga in so einem sehr teuren Studio in Mitte, voller insektenhafter Schönheiten jenseits der 40 in feinster Yoga-Seide, so dass sich die müde Normalsterbliche fühlen muss wie der liegengebliebene Vanillepudding im Rohkostgeschäft, doch dann wurde es ebenfalls heiß und Schweiß und plötzlich wildes Geatme und Gestöhnne, alles herauslassen und uffffff, achhhhhh, haaaaaaa.Und dann war es doch wieder Punk und Entgrenzung und überhaupt, wir wollen doch wirklich alle irgendwie dasselbe. Nein? Jemand nicht? Kirsten Reinhardt