berliner szenen


konspirative ecken (taz, 25.3.'17)

Zwei Tage hatte ich im Bett gelegen. Ich hatte PMS und Depression, und Trump und Yücel hatte ich auch. Ich hatte geschlafen und den „Radetzkymarsch“ gelesen, von Joseph Roth. Wenn alles sich aufzulösen scheint, kann es ratsam sein, von anderen, noch älteren Auflösungen zu lesen. So wie der der Österreichisch-Ungarischen Monarchie.

Danach schleppte ich mich durch den Wedding in die Tegeler Straße, zum österreichischen Koreaner. Die haben ein zweites Lokal eröffnet, vor Monaten schon, nur wenige Schritte neben dem ersten. Der Wirt, ein Schreiner aus Wien, und die Köchin aus Korea. Das Lokal zu betreten ist, wie die Tür zu einem Roman zu öffnen: Komplizierte Holzbauten verwandeln das Erdgeschoss vollkommen. Eine zierliche Holzbrücke führt über ein Bassin, in dem bunte Seidenschwänze treiben. Weiter oben ein Sitzpodest mit Kissenbergen. Hinten links konspirative Ecken mit Lampenschirmen, darüber thront eine Art Hochsitz.

„Mein Büro“, erklärt der Wirt, und ich mache ein merkwürdiges Geräusch. Das erste seit Tagen. Die Musik ist klassisch-melancholisch und einer der Fische verdächtig still.

„Tot?“, frage ich.

„Das ist Glupschi“, sagt der Wirt zärtlich. „Er schläft viel.“

Ich nicke.

„Er ist nicht gerade der Intelligenteste.“

Ich erwäge, mir einen Cocktail mit „Gangnam“ im Namen zu bestellen, wähle dann aber doch das Mittagsmenü mit Grüntee. Der Wirt erzählt vom alten Wien und dem sauer-muffigen Geruch, der ihm aus den Wohnungen im 4. Bezirk entgegenkam, als er dort als Telegrammbote arbeitete. Und von der Schießerei vor dem Moulin Rouge in der Walfischgasse, in die er in der 80er Jahren einmal geraten war – damals, als „Wien noch dunkel war“. Als ich mich verabschiede, schläft Glupschi noch immer. Kirsten Reinhardt