berliner szenen


NARBENVERGLEICH (taz, 12.10.'15)

Die Narbe ist mitten, wirklich mitten im Gesicht. Zwanzig Stiche. Echt gut verheilt schon, aber immer noch so, wie Narben mit zwanzig Stichen mitten im Gesicht eben aussehen. Sie bringt die Bäckerin in der Amsterdamer Straße dazu zu sagen: „Guten Ta… ohhhhhhh … Hatten Sie einen schrecklichen Unfall?!“ (Okay, das „schrecklichen“ hat nur ihr Gesichtsausdruck gesagt.)

Oder die Mutter in der Schule neulich. Ihrem „Oh Gott, was hast DU denn gemacht?!“ habe ich freundlich gekontert: „Nazis verprügelt“. Beim nächsten Treffen schoss sie sogleich auf mich zu: „Also was IST denn jetzt passiert! Das sieht ja wirklich schrecklich aus!“ Indiskretion ist immer wieder aufschlussreich. Wie auf dem Spielplatz: Ein paar Jungs, elf, vielleicht zwölf Jahre, mit zerschlissenen Turnschuhen und glänzenden Smartphones machen einen auf cool.

Der eine guckt mir ins Gesicht: „Ey, was haben SIE denn gemacht?“

Ich: „Na, was denkste?“

Er (überlegt ernsthaft): „Verbrannt?“

„Mann, das ist eine Narbe. Das wurde genäht. Guck doch mal, zwanzig Stiche.“

„Ich hab auch eine, dreißig!“ und krempelt sein Hosenbein hoch. Ein Prachtexemplar. Etwa einen Zentimeter breit, viel länger als meine und hakenförmig.

„Wow“, sage ich, ehrlich beeindruckt. „Was ist passiert?“

„Hab gegen eine Glastür getreten.“

„Warum das den?“

„War sauer. Wegen der Freundin von mein Vater.“

Jetzt springt der Kumpel für mich ein: „Wieso warste sauer?“

„Weil mein Vater sich nicht um mich gekümmert hat, nur um seine Freundin. Aber jetzt ist sie ja zum Glück seine Ex.“

Er krempelt sein Hosenbein wieder hoch. Wir nicken uns zu. Er hat gewonnen. Eindeutig. Kirsten Reinhardt