berliner szenen


sie haben doch selbst kinder! (taz, 28.9.'19)

Neulich war ich mal wieder zu einer Autorinnenlesung geladen. Eine Bücherei in Mitte, neun Uhr früh. Dorthin war ich durch die Strelitzer spaziert, wo ich, es war einmal, gewohnt habe. Das Nachbarhaus, in dem ich die greise und vollkommen der Vergesslichkeit anheimgefallene Frau Oelschlegel besucht hatte, war frisch saniert; ihre Veilchentöpfe und Gardinen verschwunden. Melancholisch betrat ich die Bibliothek, eingestellt auf wohlstandsverwahrloste Besserwisserkinder, aber dann kam die Klasse doch aus dem Wedding, genau wie ich.

Wohlan, so eine Lesung ist ja immer wunderbar, glückliche Kindergesichter et cetera – doch irgendetwas stimmte nicht. Von der Lehrerin war die Bagage offenbar derart auf „Und bloß keinen Mucks!“ getrimmt, dass sie nicht mal lachten. Schließlich kam’s zu der üblichen Lehrerin-Künstlerin-Begegnung.

Lehrerin: „Aber verraten Sie mir doch: Wie kann man nur solche Bücher schreiben?“

Künstlerin (Was meint sie wohl: so tolle, witzige, kluge, wahre?): „Wie meinen Sie das?“

Lehrerin: „Na ja, also, mein Mann hat auch gesagt, ich soll gar nicht erst kommen, das kann man den Kindern doch nicht antun! Harmlose, angeleinte Dackel essen! Sie haben doch selbst Kinder! Wie können Sie nur?“

Hernach im Café nebenan, das eigentlich ein Buchladen ist, aber nicht einfach so irgendeiner. Die Stärkung aus Kaffee und Croissant ohne Dackel kostet 4,50. Um das wieder reinzukriegen, müsste der Nicht-einfach-so-ein-Buchladen fünf meiner Bücher verkaufen, was er gar nicht kann, denn im Regal machen sich Lindgren, Ende und Preußler breit.

Wo anfangen?

Ich befehle hiermit mit sofortiger Wirkung: Netflix kündigen! In irgendeinen Buchladen gehen! Alle meine Bücher kaufen! Und danach die der anderen noch lebenden Nicht-einfach-irgend-so-eine-Autorinnen. Danke.

Kirsten Reinhardt